Kein Kuchen ist auch keine Lösung.

img_0018

Wer mich kennt, weiss, ich esse für mein Leben gern. Worauf ich Lust habe, wie viel ich esse, wie oft und in welchen Situationen, sagt sehr viel darüber aus, wie ich mich fühle. Mit gnädigen Genen gesegnet, schlagen meine Sünden nicht allzu arg zu Buche, doch ein bisschen muss auch ich auf die Linie achten. Seit zwei Wochen jogge ich wieder regelmässig, doch leider bin ich weder schnell genug noch reicht meine Kondition, um weit genug zu rennen, dass ich das Gegessene mit Bewegung wieder ausgleichen könnte.

Ein Mensch, der wie ich, dazu neigt, streng mich sich zu sein, setzt sich gerne unrealistische Ziele: Ich esse nichts mehr Süsses, ab sofort lasse ich das Frühstück oder das Abendessen weg, statt meinem heissgeliebten Glace gibt’s nur n0ch Früchte oder Nüsse. Tolle Idee, doch die Umsetzung gestaltet sich reichlich unsexy.

Was ich dir damit sagen will: Jeder hat seine Themen, an denen er sich festbeisst (schöne Formulierung im Zusammenhang mit der Ernährung, finde ich). Der eine tut sich mit Aufräumen schwer, der andere hat Mühe, bei seiner Ernährung einen gangbaren Weg zu finden. Warum unterstützen wir uns nicht einfach gegenseitig? Mir käme es zum Beispiel nie in den Sinn, mit bald 53 meine erste Steuerklärung selber auszufüllen oder nähen zu lernen.

Alles machbar, doch ich hab‘ einfach keinen Bock drauf. Und es gibt Menschen, die tun das richtig gerne und – noch viel wichtiger – richtig gut. Und denen bezahle ich gerne gutes Geld, damit sie einen super Job machen. Derweil kümmere ich mich um das, was Spass macht, mir leicht fällt und von dem ich weiss, dass ich einen wesentlichen Beitrag leisten kann.

Je klarer mir wird, was meine Aufgabe in meinem Leben ist, desto erfüllter bin ich, desto weniger brauche ich Ersatzhandlungen, wie Unmengen Süsses in mich reinzuschaufeln oder dauernd zu essen. Und je mehr ich mit meinem Innersten in Verbindung bin, desto stabiler stehe ich im Leben, im Alltag. Das fühlt sich gut an. Statt mir das Leben schwer zu machen, mache ich es mir immer häufiger ganz einfach. Wenn ich nach innen höre, ist völlig logo, wo’s für mich lang geht. Und wenn ich mich nicht entscheiden kann, gibt’s für mich offensichtlich nichts zu entscheiden.

Kann es so simpel sein? Ja.

Bedeutet Trauern, sich schlecht zu fühlen?

abstract-rainbow-leaves-bubble-colorful-1600x1200

Alle, die mein Facebook-Account aktiv mitverfolgen, wissen, dass meine Mutter, im Alter von 83, am Montag, 28. Dezember 2015, nach 4-monatiger intensivster Betreuung im Pflegeheim, ihre verdiente und ewige Ruhe gefunden hat.

Und auch, dass ich am selben Tag notfallmässig ins Spital eingeliefert wurde, aus dem ich drei Tage später „in gutem Allgemeinzustand“ wieder entlassen wurde.

Warum ich dir das erzähle? Gestern schrieb mir auf Facebook in einer privaten Nachricht jemand, wie ich denn Flammkuchenrezepte posten könnte, wo doch gerade meine Mutter verstorben sei? Von jemandem wie mir hätte sie doch mehr Integrität und Sinn für die wichtigen Themen im Leben erwartet.

Der Coach – das perfekte Wesen? Nope. Wer mich kennt, weiss, ich esse für mein Leben gerne. Umso schlimmer, wenn jemand wie ich tagelang an der Infusion hängt und nicht mal einen Schluck Wasser trinken kann, ohne Schmerzen oder dass der Magen meldet „return to sender“. Als wir mit der engsten Verwandtschaft nach der Nachricht des Todes meiner Mutter in der Caféteria des Pflegeheims sassen und vorausschauend für vier Personen Mittagessen bestellt hatten, meinte meine Tante: „Weisst du, in so Situationen kann ich einfach nichts essen.“ Ich erwiderte: „Das kann ich verstehen, dann nimm einfach so viel, wie du magst, mit Fleisch, ohne Fleisch oder auch gar nichts. Ich bin traurig und habe Appetit. Und ich bin mir sicher, meine Mutter möchte, dass es mir gut geht und dass ich bei Kräften bleibe. Für mich ist es elementar, regelmässig zu essen.“

Und ja, wahrscheinlich ist die Trauer noch nicht ganz bei mir angekommen. Ich erlaube mir noch immer, erst einmal erleichtert zu sein. Die letzten vier Monate mit wöchentlichen Besuchen und je 4 Stunden Zugfahrt haben mich sehr viel Kraft gekostet. Ich durfte am Vorabend ihres Todes bis 23 h an ihrem Bett sitzen und ihre Hand halten. Sie hat selber dosiert, wie viel Berührung sie erträgt. Mein Vater blieb über Nacht und hat ihren letzten Atemzug begleitet. Sie waren 42 Jahre verheiratet (ja, sie war meine Stiefmutter). Bereits vor den Monaten im Pflegeheim war meine Mutter geschätzte zwei Jahre lang nicht mehr wirklich ansprechbar, hat kein Telefon mehr abgenommen und auch nicht mehr danach verlangt, ausser meinem Vater mit jemandem zu sprechen oder jemanden zu sehen. Wie habe ich die stundenlangen Telefongespräche mit ihr vermisst.

Seit vergangenem Montag im Spital, als ich mich fast 24 h mit Bauchkrämpfen herumplagte und viele liebevolle Zuschriften bekam, mein Thema sei das Loslassen, begann ich ganz natürlich, mit meiner Mutter zu sprechen, also ob sie neben mir sitzen oder durch den Telefonhörer zu mir sprechen würde.

Vermutlich kriege ich jetzt wieder eine PN, mein Foto oben sei zu bunt und nicht angemessen. Und weisst du was, es ist so was von passend, das Foto. Das kann nur ich beurteilen. Sie hat das Leben geliebt, meine Mutter, starke Farben, war eine begnadete Sängerin und Tänzerin und ihr italienisches Temperament immer präsent.

Wenn ihr mich sucht, sucht mich in euren Herzen. Habe ich dort eine Bleibe gefunden, lebe ich in euch weiter. (Rainer Maria Rilke)

∆ Aufräumen im Kopf ∆

Der vermeintlich hoffnungslose Fall.

psychisch-krank

Ich war doch etwas nervös, als ich bei den „Messies“ (wie sie von meinem Netzwerkpartner mit einem etwas hilflosen Lächeln genannt wurden) läutete, um einen Augenschein zu nehmen. Er hatte die BewohnerInnen, ein Ehepaar mittleren Alters im Grossraum Zürich, besucht, um sich als potenzieller Vertreter eines Finanzierungsinstituts vorzustellen. Der Besuch hatte nicht lange gedauert, er hatte sich weder hingesetzt noch den angebotenen Kaffee getrunken. Das einzige, was er wollte, war: raus! Ihm standen die Haare zu Berge, als er sah, wie diese Leute seit Jahren hausten. Er rief mich an, noch sichtlich geschockt und schilderte mir die Situation. Er bat mich, Kontakt aufzunehmen und vorbeizugehen, um mir die Sache vor Ort anzuschauen. Und da war ich nun.

Der Weg zur Haustüre führte mich an Dutzenden von prall gefüllten Abfallsäcken vorbei, ich läutete und wartete. Nichts geschah. Ich läutete nochmals und dann, nach einer Weile wurde mir die Türe geöffnet. Entgegen blickte mir ein leicht zerzaustes Ehepaar. Sie machten zuerst keine Anstalten, mich rein zu lassen. Ich lächelte freundlich, stellte mich vor und bat darum, näher treten zu dürfen.

Die Wohnform hatte noch nicht das Stadium erreicht, wie es dem einen oder anderen aus den Fernsehsendungen bekannt ist. Tröstlicherweise bewegten sich auch keine Essensreste wie von Zauberhand durch die Räume. Ich verzichtete auf den Kaffee und fragte, ob ich mich setzen dürfte, worauf der Fauteuil freigeräumt wurde.

Der Rundgang durch das mehrstöckige Haus war beeindruckend. Noch beeindruckender war, wie sehr die Beiden sich gegenseitig schützten und stützten. Keiner war verlegen, mir zu erklären, warum der andere in letzter Zeit überhaupt keine Möglichkeit hatte, aufzuräumen, Kleider einzusortieren, die dreckigen Pfannen mit Essensresten anzupacken oder gar das Bad zu putzen. Das Bild zog sich erwartungsgemäss durchs ganze Haus.

Wir einigten uns darauf, dass wir – in den drei verbleibenden Wochen – gemeinsam das Haus in einen Zustand bringen wollten, bei dem der Finanzierungsexperte zumindest darüber nachdenken würde, ein Geschäft mit ihnen abzuschliessen. Wie hatte er so schön gesagt: „Der Geschäftsmann in mir sagt, lass die Finger davon, das gibt nur Ärger. Mein Herz sagt mir, gib diesen beiden Menschen noch eine Chance.“

Nach mehreren Aufräumtagen, die geprägt waren von Motivationsschüben und Heulkrämpfen (ich wusste mittlerweile, wo die Kleenex zu finden sind) hatten wir ein mehr als passables Bild geschaffen. Ein professionelles Reinigungsinstitut verpasste den Räumen den letzten Schliff. Die Finanzierung klappte, die Leute waren vor Freude ganz aus dem Häuschen und dankten mir mit einem schönen Päckchen, einer liebevoll gestalteten Fotocollage und einer feinen Flasche Wein.

Warum ich Ihnen das erzähle? Es gibt keine hoffnungslosen Fälle. Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Es gibt Menschen, die sich selbst aufgegeben haben. Aus Scham und Schuldgefühlen heraus, die ihnen einreden, dass sie nicht mal so etwas Einfaches wie Aufräumen auf die Reihe kriegen. Manchmal brauchen wir einen Schupf, jemanden, der uns wie mit einem Fingerschnippen aus dem Tiefschlaf holt, schüttelt und schaut, dass wir wieder klar im Kopf werden, uns auf das besinnen, was uns wichtig ist. Und es ist nie zu spät, damit zu beginnen…

Woher kommt die Sammelwut?

pilze-sammeln

Menschen in unserem Umfeld tun oft Dinge, die wir nicht nachvollziehen können. Warum zum Geier sammelt die Tina alles, was ihr in die Finger kommt? So bald sie den Satz hört: „Das werfe ich nächste Woche weg, ich weiss nicht wohin damit“ adoptiert sie selbst Dinge, die anderen Leuten gehören. Warum tut sie das? Mögliche Beweggründe:

Der Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle
Gegenstände und Erinnerungen geben ein (vermeintliches) Gefühl von Sicherheit.

  • Wer weiss, vielleicht kann ich das noch einmal brauchen.
  • Sicher ist sicher
  • Kinder, die erlebt haben, dass ihre Sachen entsorgt wurden/verschwunden sind, während dem sie z.B. in der Schule waren, neigen eher zum Sammeln und Horten.

Bestätigt ein Image
Sich selbst und dem Umfeld beweisen, was man sich alles leisten kann oder geleistet hat.

  • Das hier gehört alles mir.
  • Das habe ich mir geleistet.
  • Seht, wo ich überall im Urlaub war.

Häusliche Prägung
Wer chaotische Eltern hat(te), für den gehört(e) Unordnung zur Normalität.

  • Ein Kind ahmt nach, nimmt das als wahr, was ihm vorgelebt wird und macht mit.
  • Interessanterweise ist auch das genaue Gegenteil möglich: Das Kind möchte möglichst nie so werden wie die Eltern und räumt akribisch auf oder fängt im Erwachsenenleben damit an.
  • Teenager, die ein Puff haben, zelebrieren damit eher den Aufstand gegen elterliche Vorgaben als Ihre echten Überzeugungen.

Innere Leere füllen
Frust wird nicht nur mit Essen kompensiert, sondern auch in Form von Anschaffungen.

  • Frustkäufe
  • Einhüllen, sich schützen vor der Aussenwelt
  • Die Person wüsste nicht, was sie mit dem freigeräumten Platz anfangen soll (ausser von Neuem zu horten).
  • Suchen wird zur Beschäftigungstherapie (Die Vorstellung, freie Zeit zu haben wird als Bedrohung empfunden.)

Schlechte Gewohnheit, Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit
Es gibt Menschen, denen ist es ganz einfach nicht wichtig, Ordnung zu haben.

  • Sie denken gar nicht darüber nach.
  • Ihnen ist egal, was andere von ihnen halten.
  • Sie verspüren weder Leidensdruck, noch haben sie sonst einen Anreiz, etwas zu verändern.

Die hier genannten Gründe sind nicht vollzählig, zeigen jedoch Tendenzen auf, die weit verbreitet sind. Und sie sollen nicht als Alibis oder Ausreden dienen oder jemandem die Schuld geben. Darum geht es nicht, es geht darum, für sich zu spüren, ob das, was sich aktuell im Aussen zeigt (auf der Schreibtischplatte, im Kleiderschrank) das ist, was ich wirklich möchte. Will ich so leben? Möchte ich das, was ich mir geleistet habe, unter Stapeln und als wildes Durcheinander aufbewahren? Oder wäre es mir nicht doch wohler, wenn ich mit einem Griff alles hervorzaubern könnte? Schauen Sie sich dort, wo Sie jetzt gerade diesen Blog lesen, um: Fühlen Sie sich wohl, soll so die Umgebung aussehen, in der Sie täglich arbeiten oder wohnen?

BüroProjekt Mylène Alt
Arbeitsplatz- und AufräumCoach für die ganze Schweiz – und dank skype grenzenlos für Sie da.